Während das Wirbelstromverfahren rein geometrische Zustandsdaten liefert, erlaubt die Halbzellenpotenzial-Messmethode, wie sie im Profometer PM8500 Corrosion realisiert is, einen tiefen Einblick in die elektrochemischen Prozesse des Stahlbetons. Die zerstörungsfreie Ortung aktiver Korrosion ist das wichtigste Werkzeug bei der Beurteilung von Bauwerken, die extremen Umweltbelastungen ausgesetzt sind – insbesondere Tiefgaragen, Parkdecks, Brückenkappen und Stützwände, die wintertags mit chloridhaltigen Tausalzen (de-icing salts) in Kontakt kommen, oder küstennahe Bauwerke im maritimen Einflussbereich.
Unter normalen, ungestörten Bedingungen schützt den Bewehrungsstahl im Inneren des Betons eine hauchdünne, mikroskopische Passivschicht aus Eisenoxid. Diese Schicht bildet sich aufgrund des hochalkalischen Milieus des unkarbonatisierten Betons (pH-Wert größer als 12,5). Durch zwei Mechanismen kann diese Schutzschicht jedoch zerstört werden: Entweder durch die fortschreitende Karbonatisierung des Betons (Reaktion des Zementsteins mit atmosphärischem Kohlendioxid, wodurch der pH-Wert unter 9 absinkt) oder durch das Eindringen kritischer Chloridmengen bis auf die Höhe der Bewehrung. Besonders das Chlorid treibt einen tückischen Schadensprozess an: den Lochfraß (Pitting Corrosion). Hierbei wird die Passivschicht punktuell durchbrochen, und der Stahl korrodiert mit extrem hoher Geschwindigkeit in die Tiefe, ohne dass es zunächst zu Rissen oder Abplatzungen an der Betonoberfläche kommt. Wenn visuell braune Rostfahnen oder makroskopische Risse sichtbar werden, ist der statisch anrechenbare Tragquerschnitt des Stahls oft bereits kritisch geschwächt.
An dieser Stelle setzt die Potentialfeldmessung an, die den feuchten Beton als Elektrolyten nutzt. Sobald Stahl im Beton korrodiert, wandelt sich die betroffene Stelle in eine galvanische Zelle um: An der Schadstelle (Anode) gehen positiv geladene Eisenionen in Lösung, während die freiwerdenden Elektronen durch das Stahlnetz zu passiven Bereichen (Kathode) fließen, wo sie unter Sauerstoff- und Wasserverbrauch Hydroxidionen bilden. Dieser kontinuierliche Elektronenstrom erzeugt im Beton ein elektrisches Spannungsfeld, das bis an die Bauteiloberfläche abstrahlt.
Bei der Messung mit dem PM8500 wird eine Referenzelektrode – im Regelfall eine Kupfer/Kupfersulfat-Halbzelle (Cu/CuSO4), die über ein internes Depot ein absolut konstantes elektrochemisches Eigenpotenzial aufrechterhält – in einem definierten Raster über die Betonoberfläche geführt. Gleichzeitig wird das Gerät über ein hochohmiges Voltmeter und ein langes Kabel an einer freigelegten Stelle elektrisch leitend mit dem inneren Bewehrungsnetz verbunden. Der Sensor misst nun die Potenzialdifferenz zwischen dem fixen Wert der Referenzelektrode und dem variablen Potenzial des Stahls im Beton.
Die Auswertung dieser Rohdaten erfolgt über eine flächige Farbkennzeichnung, die als Chipping Graph oder Potenzialfeldkarte bezeichnet wird. Nach den internationalen Richtlinien der ASTM C876 lassen sich die Messergebnisse präzise klassifizieren: Potenzialwerte, die negativer als minus 350 Millivolt sind, zeigen mit einer statistischen Wahrscheinlichkeit von über 90 Prozent an, dass an dieser Stelle aktive Korrosion stattfindet. Werte, die positiver als minus 200 Millivolt sind, stehen mit 90-prozentiger Sicherheit für einen passiven, korrosionsfreien Zustand. Der Bereich dazwischen gilt als messtechnisch unsicher.
Der unschätzbare Vorteil für den Sachverständigen liegt auf der Hand: Die Potentialfeldmessung liefert eine millimetergenaue Landkarte des unsichtbaren Verfalls. Sie zeigt dem Sanierungsplaner exakt an, in welchen Bereichen der Beton chloridbelastet ist und abgetragen werden muss und wo der Beton verbleiben kann. Dies verhindert sowohl unentdeckte Restrisiken als auch eine unwirtschaftliche Über-Sanierung gesunder Bauteilbereiche. Wichtig ist jedoch das Verständnis der methodischen Grenze: Die Halbzellenpotenzialmessung zeigt rein die Wahrscheinlichkeit und die Lokalisierung aktiver Korrosionsherde an – sie liefert keine direkten Daten über die aktuelle Korrosionsgeschwindigkeit, da diese stark von dynamischen Umweltfaktoren wie der Temperatur und dem aktuellen Sauerstoffzutritt abhängt.